Die afrikanische Totenklage – globale Stammeskriege durch den Krieg der Kulturen?

 Veröffentlicht 2001 in Neue Solidarität und in Zeit-Fragen.ch

Globale Stammeskriege durch den "Krieg der Kulturen"?

Buchbesprechung: Peter Scholl-Latour, "Afrikanische Totenklage. Der Ausverkauf des Schwarzen Kontinents", München 2001

http://www.solidaritaet.com/neuesol/2001/44/index2.htm

 

Rechtzeitig zur schwersten Krise erscheint Peter Scholl-Latours neues Buch, „Afrikanische Totenklage“1 in dem er die traurige Wahrheit über den „Ausverkauf des Schwarzen Kontinents“ akribisch nachzeichnet. Im Gegensatz zu manchem Kommentar, der Afrikas Elend als „hausgemacht“ bezeichnet, anders als der neue Literaturnobelpreisträger (Anm. unten), der von der Presse gelobt wird, weil er den Kolonialismus als gar nicht so übel bezeichnet und nicht in das übliche Lamento über das Elend der Dritten Welt einstimmt, liest sich dieses Buch wie eine Anklageschrift, präzise aufgelistete Fakten über all die Verbrechen an Afrika, von der Vergangenheit bis heute. Schon der Klappentext spricht deutlich aus, wie die apokalyptischen Reiter, „Krieg, Gewalt, Barbarei und Hunger“ Afrika und seine Menschen zerstören.

Anm. Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul

Diese Anklage nennt die Hintergründe und „die Verantwortlichen: vor allem die westlichen Industrienationen.“

Dieses Buch wird auf mancherlei Widerstand2 stoßen, das weiß Peter Scholl-Latour, und er leitet ein mit einer harten Kritik am Globalismus, wiewohl er sich von den „Rabauken“i unter den (nur angeblichen) Globalisierungsgegnern scharf distanziert. Stattdessen zitiert er William Pfaff, Los Angeles Times, „Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Globalisierung und Kolonialismus... Man erzählt uns heute, Globalisierung bedeute Fortschritt, Erziehung, Wohlstand und wirtschaftliche Modernisierung. Das ist nur die halbe Wahrheit. Gleichzeitig beschert sie der ‚Dritten Welt’ gesellschaftliche und politische Zerrüttung, die Vernichtung der kulturellen Grundwerte, den Ruin ihrer unterlegenen Industrie- und Landwirtschaft... Was nun gar die Vergötzung der ungehemmten Marktwirtschaft betrifft, die selbst bei uns in Plutokratie auszuarten droht, so offenbart sie sich südlich der Sahara –oft heuchlerisch verbrämt- als eine krude Form der Ausbeutung, der die ‚Eingeborenen’ wehrlos ausgeliefert sind.“ii

Scholl-Latour zitiert den Beauftragten von König Leopold II. von Belgien, bekannt als brutaler Mann, der sich 1879 aber doch seine Wut über die Exzesse von der Seele schrieb: „Jeder Elefantenzahn, jedes Stück Elfenbein ist mit Blut gefärbt; ein halbes Kilo Elfenbein hat einen schwarzen Menschen das Leben gekostet; für weniger als drei Kilo wird eine Hütte niedergebrannt; für zwei Stoßzähne wird ein ganzes Dorf, für zwanzig ein Distrikt entvölkert. Um Luxusartikel aus Elfenbein und Billardkugeln zu fabrizieren, verwandelt man das Herz Afrikas in eine riesige Wüste und rottet ganze Stämme aus“ und fährt fort: Man setze an die Stelle von ‚Ivory‘ die Worte ‚Petrol, Coltan, Diamonds‘ und schon finden wir uns in der unerträglichen Realität unserer Tage wiederiii. Nur wenige der Leidtragenden dieser schrecklichen Realität kommen als Asylsuchende zu uns, darunter viele Jugendliche, die Überleben, Freiheit, Existenzsicherung und Entwicklungsmöglichkeiten suchen. Sie finden ein Leben am Rande, als Sozialhilfeempfänger, nach der Ablehnung ihrs Asylantrags schon bald von Abschiebung bedroht. Sie vegetieren vor sich hin, denn eine Ausbildung nach dem meist nur kurzen Schulbesuch ist nicht möglich, Arbeitsaufnahme nur unter erschwerten Bedingungen erlaubt. Viele suchen den Ausweg als Drogendealer, ein Leben in Illegalität und Angst vor Polizei und Ausländeramt, und durch ihre illegale Art der Einkommensaufbesserung bestärken sie nur die sattsam bekannten Vorurteile gegenüber Afrikanerniv.

Peter Scholl-Latour beschreibt die Machenschaften der hinter der Ausplünderung des Schwarzen Kontinents stehenden, vornehmlich anglo-amerikanischen Eliten, die brutale Gleichgültigkeit, mit der sie über Jahrzehnte Millionen von afrikanischen Menschen morden lassen. Im Krisenmonat September erschienen, ist dieses in seiner brutalen Wahrheit schonungslose Buch ein Menetekel an der Wand: so wie jetzt viele Länder Afrikas (und schon längst manch anderes Land) könnten bald weite Teile der Welt aussehen–, wenn sich die Befürchtung bewahrheitet, daß die ungeheure Provokation der USA am 11.September zum Auslöser für den von der Menschheit gefürchteten, von einigen Mächtigen angestrebten Krieg der Kulturen wird. Und wenn die Weltöffentlichkeit nicht endlich die Verantwortlichen für dieses Morden und Ausplündern offen beim Namen nennt, wenn die Eliten in Europa, Amerika und Asien nicht endlich den Verdacht überprüfen, daß die Urheber des 11.September in den Reihen dieser Verantwortlichen zu suchen sind! Dieser furchtbare Verdacht wird mir bei der Lektüre von Peter Scholl-Latours Anklageschrift immer mehr zur Gewißheit!

Die internationale Öffentlichkeit hatte kaum zur Kenntnis genommen, daß sich schon beim amerikanischen Golfkrieg gegen Saddam Hussein eine Wende des strategischen Denkensv ankündigte, schreibt Scholl-Latour. Oh doch, es gab schon einige, die genau gewußt haben, was George Bush meinte, als er seine Neue Weltordnung beschwor und der Dritten Welt drohte: der Krieg gegen den Irak ist ein Exempel, wie es jedem Land gehen wird, das seine Neue Weltordnung nicht bedingungslos akzeptiert. Im Buch werden die Verantwortlichen für die sich mehrenden Regionalkonflikte - und die Profiteure - genannt: es sind die privaten angelsächsischen Gesellschaften, die global zwischen Kolumbien in Lateinamerika und der Insel Bougainville im West-Pazifik operieren. Diese paramilitärischen Unternehmen, die oft ihre Niederlassungen aus Südafrika nach England oder Kanada verlagert haben, sind keineswegs abenteuerliche Söldnerhaufen, die sind durch mit den Mitteln modernster Technik arbeitende Profis abgelöst worden. Der Verkauf von Kriegsmaterial zählt am Rande der Legalität zum lukrativsten Teil dieses Geschäfts.

Schonungslos geht Peter Scholl-Latour mit den Mächtigen der Welt zu Gericht: Im Zeichen der „freien Marktwirtschaft“ und unter Assistenz des IWF wurden die natürlichen Reichtümer der Entwicklungsländer, speziell des Schwarzen Erdteils, einer verantwortungslosen „Plutokratie“ ausgeliefertvi

Es werden einige dieser „Händler des Todes“ genannt, die wachsende Bedeutung, die Omnipräsenz dieser ‚Mercenery-Companies’, deren Krakenarme weltweit ausgreifen und die in den Wirren Afrikas eine ideales Betätigungsfeld entdecken, und natürlich sind weiterhin auch geheime staatliche Elite-Kommandos mit ihren Rangers und Sonderagenten überall in Aktionvii. Eine bedeutende Firma dieser Art ist ‚sandlines’viii, die den militärischen Schutz der Diamanten-Minen in Nord-Angola wahrnimmt und auch im blutigen Diamantenkrieg in Sierra Leone eine traurige Rolle gespielt hat.

Als dominierender Partner von ‚Sandlines’ taucht immer wieder der Name ‚Executive Outcomes’ auf, 1993 in Großbritannien gegründet, deren Mitarbeiter als ‚counter insurgency’ - Berater von regulären Regierungen - angeheuert wurden, um bei der Bekämpfung von Aufstandsbewegungen behilflich zu sein. In Angola und Sierra Leone geriet diese Privat-Gesellschaft in die Rolle einer aktiven Bürgerkriegspartei. Nach der offiziellen Schließung 1999 blieb sie unter geschickter Tarnung weiterhin aktivix

Das Betätigungsfeld solcher in Amerika registrierten Spezialfirmen beschränkt sich nicht auf Afrika. Ebenso waren sie aktiv auf dem Balkan, so bei der Unterstützung Kroatiens gegen die „Serbische Republik Krajina“ und als „Geburtshelfer und Betreuer der ‚Kosovo-Befreiungsarmee’ und bei der Ausbildung der UCK – Partisanen.x

Peter Scholl-Latour bietet historische Rückblicke in den Kolonialismus, wenn er fragt, „Was hat es den Amerikanern gebracht, daß sie zum Halali gegen den waidwunden Mobutu bliesen, der heute den Kongolesen im Vergleich zu dem neuen Tyrannen Kabila als das geringere Übel erscheint? Die Schaffung einer durchgehenden amerikanischen Einfluß- und Herrschaftszone zwischen dem somalischen Osthorn Afrikas und der Atlantik-Küste Angolas ist mit allzu vielen Hypotheken belastetxi. Die Geschichte des Kolonialismus war immer auch die Geschichte des Kampfes zwischen angloamerikanischen Mächten und dem kontinentalen Frankreich. Das befindet sich auch im Jahre 2000, wie vorher in Faschoda, auf dem Rückzug. Dem kommerziellen ‚know how’ der amerikanischen Söldnerfirmen kann Paris nur mit bescheidenen Mitteln begegnen...Am Ende wird es wohl nur Verlierer geben.xii

Peter Scholl.-Latour zitiert angesichts der offenkundigen Unfähigkeit Washingtons, nach dem Vorbild des Römischen Reichs eine ‚pax americana’ in Afrika zu errichten einen Ausspruch Charles de Gaulles: „Denjenigen, die in Afrika unseren Platz einnehmen wollen“, so hatte Charles de Gaulles sarkastisch orakelt, „denen wünsche ich viel Vergnügen“

Das umfassende ‚Grand Design’ Washingtons, einer Einflußsphäre zwischen Äthiopien und Angola ist durch politisch-strategische Fehleinschätzungen zur Schimäre verkommen, aber es gibt die Interessengebiete, in denen „angeblich „afrikanische“ Grubengesellschaften gegründet“ worden sind, „um Diamanten und Gold, Kupfer, Uranium, Kobalt und Coltan gewinnbringend abzubauenxiii.“ In diesem „ersten afrikanischen Weltkrieg“xiv werden die Menschen vertrieben oder einfach umgebracht, die dem Abbau der Rohstoffe im Wege stehen. Scholl-Latour nennt Firmennamen wie „Sones“, „Barrick Gold“ So hat die Unterstaatssekretärin Susan Rice bei den Regierungen von Ruanda und Uganda interveniert und Druck ausgeübt, als die Lieferungen von Coltan zeitweilig zurückgegangen waren.

Das Händeabhacken, einst von König Leopold II von Belgien als Strafe bei Schwarzen eingeführt, ist in den Bürgerkriegsgreueln von Sierra Leone auch von „Kindersoldaten“( ausgeübt worden.

Im Juni 2000, in Kisangani, wird Peter Scholl-Latour die Dissertation eines Amerikaners zugespielt, Wayne Madsen, „Genocide and Covert Operations“xv Die Reichtümer Afrikas wurden gewissenlosen Freibeutern und Unternehmern ausgeliefert. Die Vereinigten Staaten, „sekundiert von ihren unterwürfigen ‚Straßenkehrern‘ in Großbritannien und Kanada, suchen den französischen Einfluß in Afrika zu entwurzeln.“ Von den USA an die Macht gehievte ehemalige Militärs oder marxistische Guerillaführer, als ‚Reform-Demokraten‘ getarnt, bleiben durch die Macht der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds fest in der Hand ihrer ehemaligen amerikanischen Gönner und können es nicht wagen, die Interessen ihrer Länder zu vertreten. So erklärt ein hoher Beamter der Weltbank: „Wir erleben eine neue Kolonisierung Afrikas, und die ist das Werk von amerikanischen Spekulanten, die mit einem Minimum an ‚cash’, einem Maximum an Profit operieren und sich dabei kurzfristige, fast risikolose Aussteige-Optionen offen halten. Die politische und militärische Muskelkraft der USA wird eingesetzt, um den Raub der afrikanischen Ressourcen durch amerikanische, ‚multilaterale Gesellschaften’ zu erleichtern. Im Hintergrund agieren schwergewichtige Politiker der Demokratischen und der Republikanischen Partei.“xvi

Der Versuch Patrice Lumumbas, 1960 im Kongo den „afrikanischen Sozialismus“ zu verwirklichen, der darauf hinauslief, die archaischen Stammestraditionen und damit auch rückständiges Kastendenken und Gebräuche abzuschaffen und einen Nationalstaat aufzubauen, die Wirtschaft in Form von Kommunen, durchaus im Einklang mit afrikanischem Gemeinschaftsleben, effizienter aufzubauen, mit „dem planmäßigen Einsatz menschlicher Arbeitskräfte zur Bewältigung großer gemeinnütziger Projekte wie Straßenbau, Kanalisierung, Rodungen...Verstaatlichung aller Mineralvorkommen“ die Arbeitslosigkeit zu beseitigen und den Kongo zu modernisieren, hat den CIA veranlaßt, den deshalb „in der Opposition...wie an der Macht“ gefährlichen Lumumba zu beseitigen. Der Vorwand: es galt, „das Übergreifen des kommunistischen Weltgespenstes auf Afrika... zu vereiteln“,xvii aber hier gilt schon die 1974 in NSSM 2000xviii niedergelegte Kissinger-Doktrin, die George Bush mit seinem Krieg gegen den Irak als deutliche Warnung an die Dritte Welt richtete: Wir bomben jedes Land zurück in die Steinzeit, das es wagt sich entwickeln zu wollen. Diese Neue Weltordnung ist die uralte Weltordnung des Kolonialismus. Und klingt im oben angedeuteten Plan Lumumbas für die Entwicklung des Kongo nicht schon die Grundidee der Eurasischen Landbrücke durch? Und ist nicht der Verdacht naheliegend, daß gerade jetzt, da viele Länder des Eurasischen Kontinents angesichts der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise dieses Aufbauprogramm anpacken wollen, die führenden angloamerikanischen Machteliten die „Afrikanische Totenklage“, die uns Peter Scholl-Latour eindringlich schildert, auf die gesamte Dritte Welt, im wesentlichen die islamisch-arabische Welt übertragen wollen? Ist das alles, was seit langem in Afrika geschieht, nicht ein Angriff der Plutokratie auf die universalen Menschenrechte, also auch ein Angriff auf die Werte und Ideale europäischer Zivilisation? Und sieht es nicht so aus, als wollte die angloamerikanische Finanzwelt ihre Macht vor dem Zusammenbruch retten, indem sie einen neuen Kreuzzug ausruft, den Krieg der Kulturen, den Huntington auch als Austragung von „Stammeskonflikten in globalem Maßstab“ ansieht?

 

Rolf Neumann

Anm. Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul 

1 Peter Scholl-Latour, Afrikanische Totenklage. Der Ausverkauf des Schwarzen Kontinents, Bertelsmann, 1.Aufl. 2001, München ISBN 3-570-00544-5 Am 22.Oktober stellt Peter Scholl-Latour sein Buch der Öffentlichkeit in Hamburg vor. Ort: Karstadt EKZ Hamburger Straße, Kultur Café

2 S.11

i S.11

ii S.11

iii S.12

iv Siehe den später folgenden Bericht über minderjährige afrikanische Flüchtlinge in Hamburg

v vergl. S.81ff Nach dem Abschuß der Maschine von Präsident Habyarimana, vermutlich mit indirekter US-Unterstützung greifen die US-Truppen bzw. die UN auch bei völkermord nicht direkt ein, eigene Soldaten sollen nicht geopfert werden. Es werden wieder Stellvertreterkriege geführt. Siehe auch S. 101 f Die Wende geht zur Kriegsführung durch bezahlte Söldnertruppen.

vi Vergl. S.100f, nennt Gore Vidal, William Pfaff (Los Angeles Times) als amerikanische Zeitzeugen

vii S.101

viii siehe S. 102 ursprünglich auf den Bahamas registrierte Firma, die den militärischen Schutz der Diamanten-Minen in Nord-Angola wahrnimmt und zur Rettungsaktion des Tutsi-Kommandos Oberst Kabareres eingeschaltet wurde...Im bluttriefenden Diamanten-Krieg von Sierra Leone sollte ‚Sandline’ Aufgaben wahrnehmen

ix S.103

x S.103

xi S.105

xii S.108

xiii S.18

xiv Vergl. Der erste afrikanische Weltkrieg, von Bartholomäus Grill in:D IE ZEIT, Nr. 9, 22. Februar 2001. 1,7 Millionen Tote, zwei Millionen Vertriebene, 16 Millionen Menschen, deren Rechte ständig verletzt werden. Geschähe all das auf dem Balkan oder in Nahost, man sähe die Bilder jeden Abend im Fernsehen. Aber dieser Krieg tobt im Kongo. Wen kümmert das?

Ein 30jähriger Krieg, aber kein westfälischer Frieden.

Sieben Rebelenheere und sieben Armeen kämpfen im Kongo um Vorherrschaft, Gold und Diamanten Auch Madeleine Albright gebraucht diese Formulierung

xv Völkermord und <Untergrundoperationen in Afrika

xvi S.35

xvii S.44ff

xviii siehe F.William Engdahl, Mit der Ölwaffe zur Weltmacht, Wiesbaden1993, S.229f

 

Mitten im Neokolonialismus

von Karl Müller, Deutschland

Eigentlich ist Afrika ein Kontinent, der alle Voraussetzungen dafür mitbringt, dass die dort ansässigen Menschen in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben könnten. Der Kontinent ist reich an verschiedensten Bodenschätzen, grosse Teile des Kontinents sind fruchtbarer Boden, und es besteht eine reiche Vielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt. Die Menschen in Afrika sind nicht weniger kooperationswillig und aufgeschlossen für wirkliche Fortschritte als andere Menschen in anderen Ländern. Dennoch kommt dieser Kontinent nicht zur Ruhe. Und es sind vor allem die reichen Länder Afrikas, die immer wieder von sozialen Erschütterungen heimgesucht werden und denen bislang kaum eine Chance gegeben wurde, sich von den Verwerfungen der Kolonialzeit zu erholen.

Im Gegenteil: Im Zusammenspiel zwischen lokalen Despoten und ausländischen Mächten, zuerst in den Jahrzehnten des kalten Krieges und nun in einer neuen Form des Globalisierungskolonialismus, wird dieser Kontinent in Unfrieden und Unfreiheit gehalten und skrupellos ausgeplündert. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass Afrika ein erneuter Totalangriff droht.

1994 hat der US-Amerikaner Robert Kaplan in seinem Essay «Der Atlantik» beklagt, das Ende der Kolonialherrschaft in Afrika und im Mittleren Osten habe nicht zu einer stabilen Politik in den ehemaligen Kolonien geführt, sondern zu deren Abstieg in die Anarchie, welche die gesamte Welt zu destabilisieren drohe.

Und nach dem 11. September 2001 haben sich Autoren wie Paul Johnson zu Wort gemeldet und gefordert, man solle doch das System der Völkerbundmandate aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erneuern, welches «gut als eine respektable Form des Kolonialismus zwischen den Kriegen gedient hätte». «Länder», so Johnson, «die mit ihren Nachbarn nicht in Frieden leben können und die verdeckte Kriege gegen die internationale Gemeinschaft führten, können keine Unabhängigkeit erwarten.» Mit dem Rückhalt des Weltsicherheitsrates und unter Führung der USA sei es «nicht schwierig, eine neue Form von UN-Mandaten einzurichten, um Staaten, die Terroristen unterstützen, unter Aufsicht zu stellen.»1

«Afrikanische Renaissance»?

Nur auf den ersten Blick ist es ein Widerspruch, wenn für Afrika zeitgleich ein Programm gefordert wird, das seit Ende der neunziger Jahre vom neuen Präsidenten Südafrikas, Thabo Mbeki, unter dem Signet «afrikanische Renaissance» propagiert wurde und in den vergangenen Jahren in verschiedene Pläne, vor allem den sogenannten Aufbauplan NEPAD (New Partnership for Africa's Development) mündete.

Anfang des Jahres war im Schweizer Radio DRS ein langer Bericht über Mbekis Pläne zu hören, voll des Lobes. Justament dieser Tage ist Südafrika das Reiseziel des deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau, der vor Ort davon sprach, man solle «Afrika nicht am Rande liegen lassen». Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» berichtete mehrfach über die Reise des Bundespräsidenten und hob dabei auch lobend NEPAD hervor. Das Programm habe im Juni vergangenen Jahres die Zustimmung der G-8-Staaten erhalten und soll im Juni dieses Jahres auf dem G-8-Treffen in Kanada endgültig beschlossen werden.

Auch in der EU, so heisst es in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», wachse der Druck, zu einer gemeinsamen Afrika-Politik zu finden. Deutschland solle dabei eine stärkere Rolle als bisher spielen. Auch die deutsche Wirtschaft habe ein grosses Interesse an Afrika. Bislang sei Südafrika das wichtigste afrikanische Land für deutsche Investitionen. Mehr als 400 deutsche Firmen seien im Land am Kap mit Investitionen von über 2 Milliarden Euro tätig. Die deutsche Entwicklungshilfe hingegen habe zwar hier und da «manche Fortschritte» bewirkt, den Kontinent insgesamt aber nicht vorangebracht.

Schon im November letzten Jahres hatte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, NEPAD ausdrücklich gewürdigt und dessen Durchsetzung gefordert. Unter der Überschrift «Veränderte Industriepolitik und Diversifikation sind Schlüsselelemente für die Wirtschaftsentwicklung Afrikas» gab er eine Erklärung zum «Internationalen Tag der Industrialisierung Afrikas» ab.

Uno-Pläne für Afrika

Annan beklagte, dass es für afrikanische Länder immer schwieriger geworden sei, sich in die schnell wandelnde globale Wirtschaft zu integrieren. Die Vorteile der Globalisierung gingen zum grössten Teil an Afrika vorbei. Bedenken gegenüber der Globalisierung, besonders die Fortdauer der Armut und die Gefahr, noch weiter an den Rand gedrängt zu werden, seien ebenfalls gewichtige afrikanische Sorgen. Annan schlug deshalb vor, «die Arbeitsproduktivität zu steigern, die Steuerung der Wirtschaft zu verbessern, Investitionen und Unternehmergeist zu fördern und die zentrale Rolle der Frauen zu stärken.»

Die industrielle Entwicklung Afrikas sei «ein bedeutender Teil der 'Neuen Partnerschaft für Afrikas Entwicklung' (NEPAD) - des umfassenden Planes für den Wiederaufbau Afrikas, der auf dem Gipfeltreffen im Juli in Lusaka verabschiedet wurde, auf dem die afrikanischen Staats- und Regierungschefs auch die Gründung einer Afrikanischen Union beschlossen hatten. Beruhend auf afrikanischem Besitz und afrikanischer Führung legt NEPAD besonders grosses Gewicht auf die Verarbeitung, die Entwicklung und Weiterentwicklung bestehender Industrien sowie auf regionale Konzepte. Wenn afrikanische Industrien wachsen sollen, brauchen sie nicht nur ein wirtschaftsfreundliches Klima im Inland, sondern ebenso offene Aussenhandelsmärkte und internationale Unterstützung.»

Soviel Lob macht stutzig. Wie ist es zu erklären, dass Organisationen wie die G-8 - die wirtschaftlich mächtigsten Staaten der Welt -, die EU und die Uno, die sonst dafür bekannt sind, die Globalisierung skrupellos voranzutreiben und Weltmachtansprüche zu haben, nun plötzlich beim «Aufbau» Afrikas helfen wollen?

«Weltmarktöffnung» führte zum Schuldenberg

Schon im vergangenen Jahr hat Patrick Bond, Professor an der südafrikanischen University of Witwaterand, ein Buch veröffentlicht, das sich kritisch mit dem Projekt NEPAD befasst.2 In einem aktuellen und zusammenfassenden Artikel3 finden sich wichtige Hinweise, die es wert sind, genauer überprüft zu werden.

Im Rahmen der bisher schon erfolgten Weltmarktöffnung hat Afrika, so Bond, seinen Export seit 1980 zwar um 30 Prozent steigern können, doch der Wert der exportierten Güter ist im gleichen Zeitraum um mehr als 40 Prozent gefallen. Grund hierfür sind die fallenden «terms of trade», also das sich ständig verschlechternde Preisverhältnis zwischen den exportierten und den importierten Gütern. So seien auch die Schulden Afrikas südlich der Sahara von 60 Milliarden US-Dollar im Jahre 1980 auf nun 206 Milliarden US-Dollar gestiegen.

Bond geht der Frage nach, ob NEPAD Abhilfe in dieser Situation schaffen kann. NEPAD ist der vorläufige Endpunkt der von Mbeki verkündeten «afrikanischen Renaissance» und des im Jahr 2000 beschlossenen «Millenial Africa Recovery Progamme» (MAP), eines Verhandlungsergebnisses Mbekis mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton vom Mai 2000, des G-8-Gipfels im Juli, des UN-Gipfels im September und des folgenden EU-Gipfels.

Das Grundgerüst von NEPAD wurde im November 2000 aufgestellt, unter kräftiger Mitwirkung des Weltbankpräsidenten James Wolfensohn. In einem 60seitigen Grundsatzpapier wurden die Leitlinien festgelegt: Mehr Privatisierungen, speziell von bislang staatlicher Infrastruktur, Mehrparteiensysteme im Sinne des US-Modells, mehr Handel mit den Industriestaaten, ein eigenes Mandat für «Peace-keeping»-Aktionen, speziell auch für Südafrika formuliert (was dann ja auch durch die Stationierung südafrikanischer Truppen in der Demokratischen Republik Kongo sowie in Burundi umgesetzt wurde).

Mbeki, so fasst Bond die Bestrebungen dieses Staatschefs zusammen, «träumte von mehr Globalisierung, nichts weniger».

Globalisierungsträume

Mbeki hatte letztes Jahr versucht, mit Abdelaziz Bouteflika aus Algerien und Olusegun Obasanjo aus Nigeria weitere Unterstützung für seine Pläne zu finden, doch Massenproteste in ihren Ländern verhinderten dies.

Obasanjo versuchte auf der Antirassismus-Konferenz im südafrikanischen Durban im September letzten Jahres sogar eine Art Aufstand gegen Mbeki, als er das Thema Wiedergutmachungen der EU wegen der früheren Sklavenhaltung und des Sklavenhandels auf die Tagesordnung bringen wollte - was ganz gegen Mbekis Pläne sprach.

Ansonsten aber war Mbeki im letzten Jahr erfolgreich mit seinen Globalisierungsplänen. Benjamin Mkapa aus Tansania schloss sich Mbeki an, und Mbeki hatte die Gelegenheit, seine Pläne während des Weltwirtschaftsgipfels in Davos vorzutragen. Nur wenige Tage später, so Bond, versuchten Weltbank-Chef Wolfensohn und IWF-Chef Koehler das westafrikanische Land Mali für den Plan zu gewinnen. Im Juli dann, in Lusaka, wurde Mbekis Plan mit dem «Omega-Plan» des ebenfalls der Globalisierung gegenüber aufgeschlossenen Staatschefs von Senegal, Abdoulaye Wade, verschmolzen. Besuche beim G-8-Gipfel in Genua und weitere Reisen nach Japan und Brüssel festigten Mbekis Bindung an die Eliten der Grossmächte und der Grossfinanz.

Um zu verdeutlichen, wie sehr Mbekis Plan zur Neokolonialisierung Afrikas passt, zitiert Bond aus dem Text von NEPAD. Dort heisst es, die bisherige Programmumsetzung habe nur partiell zu Lösungen geführt, und zwar bei der notwendigen Anpassung der Preise (nach unten), unzureichend aber seien die Ergebnisse im Bereich sozialer Leistungen. Eine Folge sei, dass nur wenige Länder ein nachhaltig höheres Wachstum unter diesem Programm erreicht hätten.

Zu Recht fragt Bond, ob diese «Teillösung» (Preisanpassungen nach unten) nicht in Wirklichkeit schon ganz dem einzigen Ziel dient, nämlich das afrikanische Streben nach nationaler Unabhängigkeit, die afrikanischen Arbeiter und Bauern, die Frauen und Kinder, die Handwerker, die Industrie und die Umwelt zu bekämpfen.

Die Ärmsten der Armen nicht mehr versorgen

Und er fragt weiter, ob die Preisanpassungen und Liberalisierungen im Kapitalverkehr nicht allein dazu dienten, Kapitalflucht im grossen Ausmass zu ermöglichen. War die zu geringe Berücksichtigung sozialer Leistungen nicht Ausdruck der Konzentration auf die Einführung neoliberaler Programme, nicht nur im Bereich der Wirtschaft, sondern auch im Bereich des Gesundheitswesens, der Bildung, der Wasserversorgung und anderer elementarer staatlicher Leistungen? Schliesslich: Was wäre, wenn die gestiegene Aufmerksamkeit von Weltbank und IWF für Afrika allein das Ziel habe, auch auf diesem Kontinent die öffentlichen Ausgaben zu beschneiden, die Zinsen zu erhöhen, zu privatisieren, die Ärmsten der Armen nicht mehr zu versorgen und den Tod von Millionen von Menschen herbeizuführen?

Wie aber, so mag man nun fragen, passt dies zusammen mit den aktuellen Bildern des vom Vulkanausbruch betroffenen Kongo? Wieso dieses plötzliche Medieninteresse am Leid von Hunderttausenden in einem Land, das schon seit Jahren zu den von Leid geplagtesten Flecken der Erde zählt, ohne dass sich Politik und Medien allzusehr darum gekümmert hätten?

Vor fast 10 Jahren, 1992 und 1993, wurden schon einmal Bilder leidender Menschen missbraucht, um in ein anderes afrikanisches Land militärisch einzugreifen. Schon damals gab es ein schmutziges Zusammengehen von Spitzen der Vereinten Nationen mit den Kriegsherren aus den USA. Somalia ist auch heute wieder Zielscheibe von Angriffsdrohungen aus den USA. Derzeit wird ein solcher Angriff propagandistisch vorbereitet. Mit dem in den USA ausgezeichneten und nun auch in Europa angelaufenen Kino-Film «Black Hawk Down» soll eine schauerliche Geschichte des US-Einsatzes in Somalia gezeigt werden, die nach Taten ruft - und wieder einmal nur die halbe Wahrheit erzählt: vom schrecklichen Tod von 18 US-Soldaten. Dass die US-Soldaten kurz zuvor zwischen 500 und 1000 aufgebrachte Somalis, unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder, in einem Massaker töteten - ein ausführlicher Bericht findet sich in der britischen Zeitung Independent vom 12. Januar diesen Jahres4 - wird auch in diesem Film nicht erwähnt. Erwähnt wird auch nicht, dass es handfeste Ölkonzerninteressen waren, die zum US-Einsatz in Somalia führten (vgl. Zeit-Fragen Nr. 48 vom 3.12.2001 sowie den erwähnten Artikel im Independent).

Soll Afrika erneut unterjocht werden?

Soll nun, Schritt für Schritt, ganz Afrika erneut unterjocht werden, unter Handreichung von Staatschefs wie Mbeki, der unter Südafrikanern selbst - anders als zuvor Nelson Mandela - bis zu seinem Amtsantritt als linientreuer Kadermann des (ehemals?) marxistischen ANC galt, seitdem aber ein Liebling der südafrikanischen Geschäftswelt ist?

Soll nun ganz Afrika in die Globalisierung gezwungen werden und überall da, wo sich Widerstand regt oder regen könnte, mit militärischer Gewalt (von der Bombe bis hin zur Klima- und Wetterbeeinflussung) «nachgeholfen» werden? Welcher Anteil der vom US-Präsidenten Bush in der letzten Woche beantragten zusätzlichen 48 Milliarden US-Dollar (!) für den Kriegshaushalt sind dafür gedacht, Kriege in Afrika zu führen?

Und was ist die Alternative? Patrick Bond spricht in seinem Artikel davon, die Alternative zu NEPAD beginne bei Afrikanern, die ein Netzwerk zwischen verschiedenen sozialen Bewegungen aufbauen würden, Gewerkschaften mit Visionen, Frauenorganisationen, Umweltgruppen und die fortschrittliche Intelligenz.

In der Demokratischen Republik Kongo arbeitet seit Jahren die Societé Civil für ein anderes, ein wirklich demokratischen Kongo, in dem alle Bürger gleichwertig einbezogen sind. Der Präsident der kongolesischen Zivilgesellschaft des Süd-Kivu, Joseph Kyalangilwa, hat in Zeit-Fragen vom 21. Januar zu einer Spende für die notleidenden Menschen in Goma aufgerufen. Die Zivilgesellschaft garantiert, dass das Geld unmittelbar den Hilfsbedürftigen zukommt und dass es dabei um unbürokratische und ehrliche Hilfe geht. Überall da, wo Menschen in Europa Bewegungen wie die kongolesische Zivilgesellschaft unterstützen können und wollen, werden sie zu einem unabhängigen Afrika beitragen - zu einer Alternative zu Globalisierung, Krieg und Neokolonialismus. Vor allem verantwortlich aber sind wir für den Widerstand gegen die mächtigen Damen und Herren daheim im eigenen Lande.

 

1 zitiert nach: Walden Bello: The American Way of War, in: Focus on the Global South, December 2001, in: www.globalresearch.ca/articles/BEL201A.html

2 Patrick Bond: Against Global Apartheid. South Africa meets the World Bank, IMF and International Finance, University of Cape Town Press, 2001, zu bestellen über pbond@wn.apc.org

3 Patrick Bond: What is Pretoria Planning for Africa, in: www.globalresearch.ca/artcles/BON112A.html

4 Alex Cox: Black Hawk Down: Shoot first, don't ask questions afterwards, in: www.independent.co.uk/story.jsp?story=114013

 

Artikel 19: Zeit-Fragen Nr.5 vom 28.1.2002, letzte Änderung am 29.1. 2002